Die Illusion der gesunden Marmelade
Der Blick in die Marmeladenregale deutscher Supermärkte gleicht mittlerweile einer Reise durch ein Paradies der Gesundheitsversprechen. Überall leuchten uns Begriffe wie „natürlich“, „Frucht pur“, „ohne Zuckerzusatz“ oder „traditionell hergestellt“ entgegen. Die Verpackungen zeigen saftige Beeren auf grünen Wiesen, rustikale Holzlöffel und handgeschriebene Schriftarten, die an Omas Küche erinnern. Doch hinter dieser idyllischen Fassade verbirgt sich eine ausgeklügelte Marketingstrategie, die darauf abzielt, Verbraucher gezielt in die Irre zu führen.
Marmelade und Konfitüre gehören zu den Produktkategorien, bei denen die Diskrepanz zwischen Werbeversprechen und tatsächlichem Inhalt besonders gravierend ausfällt. Während die Aufmachung suggeriert, es handle sich um ein nahezu naturbelassenes Produkt, offenbart ein Blick auf die Zutatenliste eine andere Realität. Die Wahrheit ist noch drastischer als viele vermuten: Nach der europäischen Konfitürenverordnung müssen alle im Supermarkt erhältlichen Marmeladen einen Gesamtzuckergehalt von mindestens 60 Prozent aufweisen. Das ist keine Ausnahme einzelner Hersteller, sondern gesetzliche Vorschrift.
Das Perfide daran: Die Hersteller bewegen sich rechtlich in einer Grauzone, die ihnen enormen Spielraum für kreative Produktbeschreibungen lässt. Begriffe wie „natürlich“ sind kaum geschützt und können nach Belieben eingesetzt werden, ohne dass konkrete Kriterien erfüllt sein müssen. So entsteht ein Nebelvorhang aus Halbwahrheiten, der selbst aufgeklärte Käufer verwirrt.
Verpackungsdesign als psychologische Waffe
Die Gestaltung der Gläser und Etiketten folgt klaren psychologischen Prinzipien. Erdige Farbtöne wie Braun, Beige und verschiedene Grüntöne vermitteln Natürlichkeit und Ursprünglichkeit. Pastelltöne wirken sanft und unschuldig. Illustrationen im Aquarellstil oder handgezeichnete Elemente erwecken den Eindruck von Handarbeit und kleiner Manufaktur, selbst wenn das Produkt in industriellen Großanlagen gefertigt wird.
Besonders raffiniert ist der Einsatz von Strukturen und Materialien. Matte Etiketten statt Hochglanz, raue Papieroptik statt glatter Kunststofffolien, leicht unregelmäßige Schrifttypen statt perfekter Druckbuchstaben – all diese Details sollen authentisch und handgemacht wirken. Der Verbraucher assoziiert unbewusst: Was so aussieht, kann nicht aus der Massenproduktion stammen und muss deshalb besser sein. Große, appetitliche Fruchtabbildungen auf der Vorderseite des Glases lenken geschickt von der kleinen Zutatenliste auf der Rückseite ab. Die Früchte werden oft überproportional dargestellt, was den Eindruck eines hohen Fruchtanteils verstärkt. Tatsächlich ist dieser bei klassischen Konfitüren niedriger als erwartet, während der Zuckergehalt dominiert.
Der Tanz um die Zuckerdeklaration
Hier beginnt das eigentliche Täuschungsmanöver. Hersteller nutzen verschiedene Strategien, um den tatsächlichen Zuckergehalt zu verschleiern oder zumindest weniger dramatisch erscheinen zu lassen. Der Klassiker ist die Verwendung alternativer Süßungsmittel, die rechtlich nicht als „Zucker“ deklariert werden müssen. Fruchtsüße, Agavendicksaft, Traubensaftkonzentrat, Apfelmark – all diese Zutaten klingen gesund und natürlich, sind aber letztendlich nichts anderes als konzentrierte Zuckerquellen. Sie ermöglichen die begehrte Auslobung „ohne Zuckerzusatz“, weil ihr Zusatz rechtlich nicht als klassischer Zuckerzusatz gilt. Dass das Produkt dennoch extrem zuckerhaltig ist, verschwindet hinter diesem wohlklingenden Versprechen.
Ein weiterer Trick findet sich in der Darstellung der Nährwertangaben. Diese werden üblicherweise pro 100 Gramm angegeben, eine Menge, die niemand tatsächlich konsumiert. Eine typische Portionsgröße liegt eher bei 20 bis 30 Gramm. Durch diese Standardisierung wirken die Zuckerwerte zunächst weniger alarmierend. Wer nicht nachrechnet, unterschätzt schnell, wie viel Zucker tatsächlich auf dem morgendlichen Brötchen landet. Manche Hersteller gehen noch einen Schritt weiter und geben zusätzliche Portionsangaben an, die unrealistisch klein ausfallen. Eine Portion von 15 Gramm mag auf dem Papier akzeptable Nährwerte liefern, praktisch streicht aber kaum jemand so wenig auf sein Brot.
Die Vitamin-Illusion und Health Claims
Viele Verbraucher kaufen Marmelade in der Hoffnung, wenigstens einen Teil der Vitamine aus frischem Obst zu erhalten. Diese Hoffnung ist trügerisch. Alle oxidationsempfindlichen Vitamine wie etwa Vitamin C werden bei der Zubereitung durch Hitze und Sauerstoff weitgehend zerstört. Während 100 Gramm frische Erdbeeren etwa 65 Milligramm Vitamin C enthalten, befinden sich in 100 Gramm handelsüblicher Erdbeerkonfitüre nur noch etwa 6 Milligramm – ein Rückgang von rund 90 Prozent.
Manche Hersteller versuchen, diesen Mangel durch künstliche Vitaminzusätze auszugleichen und werben dann großzügig mit Gesundheitsversprechen. Diese Praxis ist rechtlich zulässig: Lebensmittelhersteller dürfen Süßigkeiten oder zuckrige Produkte mit Gesundheitsversprechen vermarkten, wenn sie einfach Vitamine oder Mineralstoffe künstlich zusetzen. Das Grundproblem – der extrem hohe Zuckergehalt – bleibt dabei unverändert.

Seit 2012 müssen Hersteller ihre gesundheitsbezogenen Werbeaussagen, sogenannte Health Claims, von der EU genehmigen lassen. Derzeit sind etwa 250 solcher Aussagen zugelassen. Das klingt nach strenger Kontrolle, doch es gibt einen entscheidenden Haken: Diese Werbeaussagen sind für alle Lebensmittel erlaubt, unabhängig davon, ob diese eher gesund sind oder viel Zucker, Salz oder Fett enthalten. Die EU hätte bereits 2009 sogenannte Nährwertprofile mit Mindestanforderungen einführen sollen. Diese würden sicherstellen, dass nur tatsächlich gesunde Lebensmittel mit Gesundheitsversprechen werben dürfen. Doch auf Druck der Lebensmittellobby wurde diese Regelung bis heute nicht umgesetzt.
Begriffsakrobatik und Siegel-Wirrwarr
Die Wahl der Produktbezeichnungen und Werbetexte folgt einer ausgefeilten Strategie. „Fruchtaufstrich“ klingt fruchtiger als „Konfitüre“, „Frucht pur“ suggeriert Reinheit, „traditionell gekocht“ weckt nostalgische Gefühle. Begriffe wie „Premium“, „Selection“ oder „Genuss“ positionieren das Produkt im höherwertigen Segment, ohne konkrete Aussagen über Qualität oder Inhaltsstoffe zu machen.
Besonders beliebt sind Formulierungen, die zwar nicht lügen, aber geschickt um die Wahrheit herumtanzen. „Mit ausgewählten Früchten“ sagt nichts über deren Anteil aus. „Nach traditionellem Rezept“ definiert nicht, was dieses Rezept beinhaltet. „Sorgfältig hergestellt“ ist eine inhaltsleere Floskel, die Qualität suggeriert, ohne etwas zu versprechen. Zahlreiche Siegel, Prüfzeichen und Qualitätsversprechen zieren die Gläser. Manche davon sind aussagekräftige Zertifizierungen, andere sind hauseigene Erfindungen ohne unabhängige Überprüfung. Für Verbraucher ist diese Unterscheidung kaum zu treffen.
Herkunftstäuschung und Regalstrategien
Nicht nur die Verpackungsgestaltung täuscht, auch Herkunftsbezeichnungen können irreführend sein. Bei verarbeiteten Lebensmitteln muss der Hersteller nicht kennzeichnen, woher die Rohstoffe stammen. Deutschland importiert jährlich über 100.000 Tonnen Lebensmittel aus verschiedenen Ländern, die dann mit deutschem Etikett verkauft werden, ohne die tatsächliche Herkunft der Zutaten anzugeben. Ein „Made in Germany“-Label auf dem Marmeladenglas bedeutet also keineswegs, dass die verarbeiteten Früchte aus Deutschland oder auch nur aus Europa stammen.
Auch die Platzierung im Supermarkt folgt psychologischen Erkenntnissen. Produkte mit gesundheitsbezogenen Werbeaussagen werden oft in Augenhöhe positioniert oder in der Nähe von tatsächlich gesunden Lebensmitteln wie Müsli oder Vollkornprodukten platziert. Diese räumliche Assoziation färbt auf das Produkt ab: Was neben gesunden Artikeln steht, wird selbst als gesünder wahrgenommen. Auch die Schaffung eigener „Gesundheitsecken“ im Regal verstärkt diesen Effekt.
Was Verbraucher wirklich wissen sollten
Die Realität hinter dem Marketing ist ernüchternd. Klassische Marmeladen und Konfitüren enthalten gesetzlich vorgeschrieben mindestens 60 Prozent Zucker. Der menschliche Körper verarbeitet die verschiedenen Zuckerarten nahezu identisch, unabhängig davon, ob sie aus Rübenzucker oder Fruchtsaftkonzentrat stammen. Ein kritischer Blick auf die Zutatenliste ist unverzichtbar. Diese ist nach Gewichtsanteil geordnet: Steht Zucker oder eine seiner Tarnbezeichnungen weit vorne, sollten alle Alarmglocken läuten, egal wie natürlich die Verpackung aussieht.
Wer tatsächlich eine hochwertigere Alternative suchen möchte, sollte auf Fruchtaufstriche oder Fruchtmuse achten. Diese haben einen Fruchtanteil von 60 bis 75 Prozent und entsprechend einen niedrigeren Zuckergehalt als klassische Konfitüren. Sie werden rechtlich anders kategorisiert und dürfen deshalb nicht als „Marmelade“ oder „Konfitüre“ bezeichnet werden. Diese Produkte sind zwar meist teurer, liefern aber tatsächlich das, was die gesundheitsbewussten Verpackungen der klassischen Konfitüren nur vorgeben: deutlich mehr Frucht, merklich weniger Zucker.
Interessanterweise verzichten echte Qualitätsprodukte oft auf das aufwendige Gesundheitsmarketing. Ihre Zutatenliste ist kurz und verständlich, die Verpackung schlicht, die Werbeversprechen zurückhaltend. Wer wirklich gute Ware anbietet, hat es nicht nötig, diese durch Marketingtricks aufzuwerten. Die Marmeladenindustrie hat verstanden, wie man Sehnsüchte nach gesunder Ernährung in profitable Verkaufsstrategien übersetzt. Verbraucher zahlen einen Aufpreis für vermeintliche Natürlichkeit, erhalten aber oft nur clever vermarktete Standardware mit gesetzlich vorgeschriebenem Mindestzuckergehalt. Wachsamkeit beim Einkauf, gesunde Skepsis gegenüber Werbeversprechen und der Mut, hinter die schöne Fassade zu blicken, sind die besten Werkzeuge gegen diese Täuschungsmanöver.
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